Zum 50. Todestag von Dr. Gerhard Gerlich

Am 27. Dezember 2012 vor 50 Jahren verstarb der CDU-Politiker Dr. Gerhard Gerlich unerwartet mit 51 Jahren. Dr. Gerlich wohnte in Neumünster und war dort Oberstudienrat an der Klaus-Groth-Schule. Er war also kein Trappenkamper und trotzdem war ihm Trappenkamp so dankbar, dass die Gemeindevertretung sechs Jahre nach seinem Tode parteiübergreifend einmütig beschloss, die Volksschule Trappenkamp nach ihm zu benennen. Bei der Feier zur Namensgebung der Dr.-Gerlich-Schule betonte Bürgervorsteher Ernst Schöffel im Beisein von Ministerpräsident Dr. Lemke, dass es Dr. Gerlich gewesen sei, der an höherer Stelle erst ein Verständnis dafür geweckt habe, dass aus einem Flüchtlingslager durchaus eine Gemeinde mit Zukunft entwickelt werden kann. Ihm schrieb Schöffel auch zu, dass aus einer anfangs zerstörten Landschaft ein Ort mit großen Grünflächen entstehen konnte. Sein Verdienst sei außerdem der Bau des Straßennetzes, der Kanalisation und nicht zuletzt der Volksschule gewesen. Mit der Namensgebung übernehme Trappenkamp die Verpflichtung, im Sinne Dr. Gerlichs zu wirken, der stets das Gemeinschaftswohl über das eigene Interesse gestellt habe.


Porträt Dr. Gerhard Gerlich

Warum war Trappenkamp seinem großen Förderer so dankbar, obwohl keines der vor- und nachfolgend genannten Projekte offiziell seinen Schriftzug trägt? Man muss sich zunächst in die Nachkriegsjahre von 1950 bis 1962 versetzen. Es gab zum Teil noch große Not und die Menschen hatten viel Nachholbedarf. Schleswig-Holstein wurde besonders durch den Zuzug der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen belastet: 1,5 Millionen Einheimische nahmen 1,2 Millionen Hinzugezogene auf. Die Integration gelang und ist bei der heutigen Generation so gut wie unbekannt. Ebenso mag man heute mit dem Kopf darüber schütteln, dass es einmal Gegensätze zwischen Bornhöved und seinem Ortsteil Trappenkamp gab. Überzeichnet: Hier die konservativen, protestantischen Bauern aus Bornhöved und dort die in Kleinbetrieben emsig arbeitenden, katholischen Sudetendeutschen im ehemaligen Marine-Sperrwaffenarsenal Trappenkamp. Im Wesentlichen ging es dabei immer um die Verteilung der Mittel zwischen Bornhöved und Trappenkamp.

Diese Situation fand Dr. Gerlich bei den Besuchen seiner sudetendeutschen Landsleute in Trappenkamp vor. Er hatte sich seit 1950 als Landtagsabgeordneter zum stellvertretenden Fraktionschef der regierenden CDU hochgearbeitet, saß während seiner 12-jährigen Landtagsarbeit in 27 Landtagsausschüssen, insbesondere im einflussreichen Finanzausschuss, und war parlamentarischer Vertreter des Kultusministers. Er liebte es, aus dem Hintergrund die Fäden zu ziehen und seinen ganzen, sehr großen Einfluss spielen zu lassen. Konkret ist schwer nachzuweisen, was er für Trappenkamp im Einzelnen alles bewirkt hat. Doch es gibt Zeitzeugen, wie Walter Holey, der Folgendes berichtete: "Ich selbst habe 1955 den Anstoß dazu gegeben, daß Dr. Gerlich als Berater für die Selbständigmachung der Gemeinde beigezogen wurde. Dr. Gerlich war es allein, der in den verschlungenen Wegen der Bürokratie und den Unwägbarkeiten der Politik diejenigen Türen zu öffnen wußte, die für die Siedlung Trappenkamp in kürzester Zeit zur Selbstverwaltung führten. Er führte vor allem unsere Landsleute Wolfgang Beckert und Otto Hub in den zuständigen Ämtern ein und vertrat die Siedlung mannhaft im Landtag, wo es nicht wenige Gegner der Neugründung gab." Landtagsprotokolle belegen Dr. Gerlichs rhetorische Aktivitäten. Er wusste ein Problem in wenigen Worten kristallklar auf den Punkt zu bringen und galt wegen dieser Fähigkeit als gefürchteter Debattenredner. Er kämpfte leidenschaftlich für seine Auffassungen, führte oft eine scharfe Klinge, ohne unsachlich oder ausfallend zu werden. Versehen mit dieser Gabe bewirkte Dr. Gerlich im November und Dezember 1955 Kabinettsbeschlüsse, die besagen, dass grundsätzlich daran festgehalten wird, dass Trappenkamp als Industriestandort erhalten bleibt und eine selbständige Gemeinde werden kann. Er bewirkte außerdem, dass die Landesregierung am 19. März 1956 beschloss, den Ortsteil Trappenkamp aus Bornhöved auszugemeinden und ab 1. April 1956 in die Selbständigkeit zu entlassen. Schließlich bewirkte er, dass Innenminister Dr. Lemke am 3. Juli 1956 die erste, beschlussunfähige Gemeindevertretung Trappenkamps auflöste und Wolfgang Beckert als kommissarischen Bürgermeister einsetzte.


Namensgebungsfeier der Dr.-Gerlich-Schule 1969. Links von Ministerpräsident Dr. Helmut Lemke steht Frau Gerlich, rechts von ihm Bürgervorsteher Ernst Schöffel. Der Schriftzug von Kunstschmied Alfred Schmidt prangt noch heute über dem Eingang zur Turnhalle.

Dr. Gerlichs Leben und Wirken

Im obigen Abschnitt wurde darüber berichtet, dass Dr. Gerhard Gerlich vor 50 Jahren am 27. Dezember 1962 mit 51 Jahren unerwartet starb. Sechs Jahre später benannte die Gemeinde Trappenkamp aus Dankbarkeit die Volksschule in Dr.-Gerlich-Schule um. Wer war dieser Dr. Gerlich, der in Neumünster wohnte und dort als Oberstudienrat an der Klaus-Groth-Schule lehrte, folglich nie Trappenkamper war?

Er wurde 1911 geboren und es ist bedauerlich, dass von seinem 100.Geburtstag am 9. September 2011 niemand Notiz nahm. Er stammte aus dem östlichsten Teil des Sudetengebirges, dem Altvatergebirge, das ab 1918 der Tschechoslowakei angegliedert wurde. Der Schulbesuch des hochbegabten Jungen wurde vom Jesuitenorden unterstützt, denn seine Eltern konnten das Schulgeld nicht aufbringen. So machte er im heimatlichen Troppau sein Abitur und studierte danach zusammen mit seinem Bruder Walther an der deutschen Universität in Prag, wo beide promovierten. Nach kurzer Zeit im Schuldienst wurde Dr. Gerlich zur Wehrmacht eingezogen, geriet in russische Gefangenschaft und verbrachte zwei harte Jahre im sowjetischen Kasachstan. 1947 wurde er zu seinem Bruder Walther nach Neumünster entlassen und ließ seine Frau mit drei Kindern dorthin nachziehen. Neben seinem Beruf als Lehrer hatte er sich seit 1950 als Landtagsabgeordneter zum stellvertretenden Fraktionschef der regierenden CDU hochgearbeitet, saß während seiner 12-jährigen Landtagsarbeit in 27 Landtagsausschüssen, insbesondere im einflussreichen Finanzausschuss, und war parlamentarischer Vertreter des Kultusministers.


CDU-Spitzenpolitiker Schleswig-Holsteins 1954: (v. l.) Dr. Gerhard Gerlich, Dr. Paul Pagel (Innen- und Kultusminister), Friedrich-Wilhelm Lübke (Ministerpräsident), Kai-Uwe von Hassel (folgender Ministerpräsident, später Verteidigungsminister und Bundestagspräsident)

Wie schon im ersten Teil beschrieben, sorgte er dafür, dass der Bornhöveder Ortsteil Trappenkamp am 1. April 1956 selbständig wurde und mit Wolfgang Beckert den ersten ehrenamtlichen Bürgermeister (mit 28 Jahren den jüngsten Bürgermeister Schleswig-Holsteins) erhielt.

Dr. Gerlich war es zu verdanken, dass das Landeskabinett beschloss, Trappenkamp im Nachtragshaushalt 1955 erstmals eine größere Summe für vordringliche Baumaßnahmen als entscheidende Starthilfe in die Selbständigkeit zu geben Mit großzügiger Unterstützung der Landesregierung in den Jahren 1956 bis 1960 wurden der Gemeinde insgesamt Zuschüsse in Höhe von 1,76 Mill. DM bewilligt und außerdem zinsgünstige Darlehen in Höhe von 416.000 DM zur Verfügung gestellt. Die ersten Maßnahmen umfassten den Ausbau der Hauptverkehrsstraßen im Ort (es waren nur Sandwege), die Verbesserung der Kanalisation und den Bau eines Klärwerkes, die Begrünung der trostlosen Flächen (die Briten hatten als Reparationsleistung und zur Entblößung des Marinearsenals den Wald abgeholzt) und insbesondere die Anlage der Straßenbeleuchtung 1956. Das Demonstrativbauprogramm von 1959 bis 1965 schuf zusätzlich 714 Wohnungen.

Als parlamentarischer Vertreter des Kultusministeriums sorgte Dr. Gerlich zusammen mit Bürgermeister Wolfgang Beckert dafür, dass für Trappenkamp ein Schulneubau mit Turnhalle finanziert wurde. Bei der Einweihung der Turnhalle am 14. September 1958 fasste Wirtschaftsminister Böhrnsen die Aufbauarbeit in Trappenkamp bündig in seinem berühmten Satz zusammen: "Wo hier noch vor kurzem Steppe war, ist Wohngarten; wo Bunker und Baracken standen, ist Wohnung, ist Schule, ist Turnhalle, ist Festsaal."

Auch von Dr. Gerlichs Plänen zur Erschließung der verkehrsfernen Räume zugunsten der Sesshaftmachung und Versorgung des gewaltigen Flüchtlingsstroms, den Schleswig-Holstein aufnehmen musste (1,2 Mill. Menschen), profitierte Trappenkamp: 1952 waren 428.000 DM für den Ausbau der Straße von Bornhöved über Trappenkamp nach Rickling bewilligt worden. Der Ausbau der Landstraße von Kiel zum Anschluss an die Lübeck-Hamburger Autobahn (bekannt als B 404) wurde in Angriff genommen, dem der direkte Anschluss Trappenkamps durch den Wald an die B 404 (heute Autobahn) folgte. Dr. Gerlich war mit seinen vielen Projekten zugunsten der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge zum großen Förderer Trappenkamps geworden.

1957 wurde in Trappenkamp das Sudetendeutsche Kulturwerk gegründet, dessen Vorsitzender bis kurz vor seinem Tode Dr. Gerhard Gerlich war. Das Kulturwerk hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das "Haus der Heimat" in Trappenkamp käuflich zu erwerben, es zu bewirtschaften und es als kulturellen Mittelpunkt Trappenkamps zu erhalten.

Zur Trauerfeier für Dr. Gerlich am 29. Dezember 1962 in Neumünster erschienen über 400 Trauergäste, darunter parteiübergreifend die ganze Bandbreite der Politiker, aber darunter auch einfache, kleine Leute, für die Dr. Gerlich gekämpft hatte. Die Predigt von Dechant Tebbel stand dementsprechend auch unter dem Paulus-Wort: "Eines kann der Tod dem Menschen nicht nehmen: Das Gute, das er auf Erden gewirkt hat."

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